Iris Führ ist Oberlandwirtschaftsrätin und erzählt uns von der naturwissenschaftlichen Seite des Weinbaus. Zum Glück hat sie sich damals nicht abschrecken lassen, als man ihr sagte, wenn sie etwas Richtung Weinbau machen wolle, sollte sie doch am besten einen Winzer heiraten. Sie ist die Frau, mit dem akademischsten Hintergrund in unserer Feinherber Feminismus-Reihe und trotzdem ist der Wein für sie nicht nur ein wissenschaftliches Forschungsfeld, sondern ein Schlüssel zum Leben.

Wer bist du?
Ich bin Iris Führ. Ich bin gebürtig aus Mandel und ich arbeite in Bad Kreuznach am Dienstleistungszentrum ländlicher Raum. Ich bin Oberlandwirtschaftsrätin und wohne mit meiner Familie wieder in meinem Heimatort, wo ich eigentlich herkomme. Ich stamme aus einem Weingut und bin nach einer längeren Zeit in Neustadt, in der Pfalz wieder in meine alte Heimat gekommen.

Wie war das früher, als du die Entscheidung getroffen hast, dass du einen Beruf im Weinbau finden möchtest?
Ich bin in einem Weingut groß geworden. Als älteste Tochter war eigentlich klar, dass der jüngere Bruder den Betrieb übernimmt und dass meine Schwester und ich uns einen Beruf suchen. Nach dem Abitur war dann die Frage, was tun. Und ich wollte gerne in Richtung Naturwissenschaft und Weinbau gehen. Habe dann aber auch mal zusammen mit meinem Vater nachgefragt an der Weinbauschule damals und bekam doch tatsächlich die Antwort: „Am besten wär’s, wenn das Mädsche e Winzer heirate würd.“
Das habe ich aber nicht gemacht, sondern habe dann meinen Weg gesucht. Habe studiert an drei verschiedenen Hochschulen, in Bonn, in Hohenheim und in Geisenheim.

Welche ist deine liebste Rebsorte?
Meine liebste Rebsorte ist Riesling. Ich bin aufgewachsen in der Zeit, als der Müller-Thurgau ganz groß war. Das war auch so die Lieblingsrebsorte meines Vaters, aber ich habe im Laufe des Studiums – ich war ja im Rheingau und auch in der Pfalz – den Riesling schätzen gelernt. Und finde diese alte, traditionelle, deutsche Rebsorte immer noch sehr spannend. Und auch die neuen Weine, die daraus entstehen. Wenn ich mir Wein bestelle, frage ich immer erstmal nach einem Riesling, halbtrocken oder trocken.

Wenn du deinen liebsten Wein mit drei Worten beschreiben würdest, welche wären das?
Stark, edel und rein.

Du bist in der Lehre tätig. Welche sind deine Fachgebiete?
Meine Fachgebiete liegen im Bereich des Weinbaus, also nicht im Bereich der Kellerwirtschaft und des Ausbaus, sondern in der Weinproduktion. Ich interessiere mich für das, was im Weinberg passiert und ich berate auch ganz konkret in Richtung Pflanzenschutz, also Schädlinge, Krankheiten und deren Bekämpfung in Richtung umweltschonende, integrierte Anbauweise.

Wie sieht da dein Arbeitsalltag aus?
Es gibt keinen ganz normalen Tag, denn jeder Tag hat seine eigenen Anforderungen. Wenn es an den Unterricht geht, geht es um die Vorbereitung. Da versuche ich wirklich aktuelle Themen mit reinzubringen. Dann bringe ich Beispiele aus dem Weinberg mit. Die hole ich dann gerne in der Natur. Sammle sie vorher. Da versuche ich einen aktuellen Bezug herzustellen.
Wenn es an die Beratung geht, dann sind es häufiger Vorträge oder Seminare, wo ein bestimmtes Thema zu bearbeiten ist. Und da muss man sich dann ganz gezielt vorbereiten und auf die Gruppe einstellen. Das Spannende dabei ist, dass man sehr viel mit Leuten zu tun hat und sich immer wieder auf die Bezugsgruppe einstellt. Auf die Schüler, auf die einzelnen Persönlichkeiten, die ja ihren Weg gehen wollen. Das macht mir im Moment am meisten Spaß, weil ich sehe, wie jeder junge Mensch in seinen Beruf reingeht. Und da ist der Wein wirklich ein ganz spannendes Thema, denn der Beruf des Winzers ist unglaublich vielseitig. Und das färbt auch auf meinen Beruf ab. Und das macht mir Spaß!

Gibt es Vorurteile gegenüber weiblichen Lehrkräften? Wirst du beispielsweise in deiner Arbeit unterschätzt, weil du eine Frau bist?
Das ist mir in der Anfangszeit häufig passiert. Ich habe ja schon 1984 angefangen, das ist eine Weile her. Und damals war es noch nicht so ganz üblich, dass junge Frauen in dem Beruf tätig waren. Und da musste ich mich ganz gewaltig durchsetzen. Habe ich den Eindruck. Das hat mich auch viel Kraft gekostet. Intensive Vorbereitung auf den Unterricht und auch auf die Beratung vor allen Dingen. Das ist heute ganz anders. Also heute sehe ich keine Vorurteile mehr, im Gegenteil!
Gerade gestern Abend habe ich einen Seminarvortrag gehalten vor hauptsächlich männlichem Publikum. Und da merke ich überhaupt keine Probleme oder Vorurteile mehr.

Inwieweit wären die Anforderungen an dich und deine Arbeit andere, wärst du ein Mann?
Ich denke, das hat mit Frau und Mann wenig zu tun, sondern mit der Persönlichkeit an sich. Ich muss schon zugeben, dass ich eher der introvertierte Typ bin und nicht so unbedingt auf andere zugehe. Führungspersönlichkeiten können Frauen sein, es können Männer sein. Ich bin lieber jemand, der in der zweiten Reihe arbeitet und anderen zuarbeitet, auch in der Forschung. Zusammenarbeiten mit Kollegen aus der Forschung ist auch immer sehr spannend. Ich stehe nicht so gerne in erster Reihe, das gebe ich ehrlich zu. Hat aber mit Frau oder Mann eigentlich wenig zu tun. Sondern mit der Persönlichkeit.

Wo sind wir hier gerade, während wir das Interview führen?
Wir stehen jetzt oberhalb von Mandel und schauen hier auf das Dorf, auf die evangelische Kirche. Ich mache oft Rundgänge durch die Gemarkung, um zu schauen, wie der Entwicklungsstand der Reben ist, wie weit Schädlinge und Krankheiten sind, was es hier zu tun gibt, was die Winzer arbeiten momentan. Und dann mache ich gerne Rast am Wingertshäuschen, oberhalb von Mandel. Und habe dann diesen schönen Blick über meine Heimat, über das ganze Land bis zum Lemberg. Hier mache ich oft Pause und denke dann darüber nach, was es zu tun gilt.

Was machst du, wenn du draußen durch die Weinberge gehst?
Wenn ich durch die Weinberge gehe, schaue ich mir den Entwicklungsstand der Reben an und mache dann Vergleiche zu anderen Standorten im Gebiet. Ich schaue mir an, ob da Krankheiten oder Schädlinge vorkommen. Ich sehe zum Beispiel den Entwicklungsstand der Pilzkrankheiten. Ich mache ein Monitoring. Ich kontrolliere den Traubenwickler. Ich habe Pheromonfallen im Gebiet hängen. Ich kontrolliere die Kirschessigfliege. Und stelle diese Daten dann ins Internet ein. Die stehen dann der Allgemeinheit zur Verfügung.

Was bedeutet Wein für dich?
Wein und Weinbau ist für mich ein wichtiger Schlüssel für das Leben. Denn im Leben geht es darum, dass man das Leben lebt und das Leben kennenlernt. Und der Wein ist ein Schlüssel dazu. Alle Bereiche des Lebens kann man sich durch den Wein erschließen. Es ist ein sehr spannender Beruf, der einem Einblicke gibt in verschiedene Berufsfelder gibt und all die Menschen, die man dabei kennenlernt. Sodass wirklich gilt: in vite vita. Oder ein anderer Spruch, der mir wichtig ist: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.“ Aus der Bibel. Da ist wirklich was dran, weil der Wein einem das Leben erschließt, alle Bereiche.

Iris, danke für die spannenden Einblicke in eine der naturwissenschaftlichen Seiten des Weins! Falls ihr Weine aus Mandel und aus den Weinbergen rund um das Wingertshäuschen probieren möchtet: Iris ist die Schwester von Marcus und Tante von Carl Baumberger. Die Weine vom Weingut Baumberger findet ihr HIER.