Für Juliane Eller war Winzerin nicht schon immer der absolute Traumberuf. Die Entscheidung, dass sie in den Familienbetrieb in Alsheim einsteigen und sich dort verwirklichen möchte, kam erst nach einem Praktikum, in dem sie festgestellt hat, dass Wein-Machen auch anders geht. Sie weiß, was sie für ihre Juwel-Weine will und was dabei rauskommt, gefällt uns sehr. Wir haben Juliane in ihrem Weingut besucht und ihr einige Fragen zum jungen Winzerinnen-Dasein gestellt.

Wer bist du?
Hey, ich bin Juliane. Ich bin 27 Jahre alt und Winzerin im Weingut meiner Eltern, das Weingut Eller in Alsheim. Das ist jetzt schon mein fünfter Jahrgang. Ich bin vor fünf Jahren zuhause eingestiegen nach drei Jahren Bachelor-Studium in Geisenheim. Ich habe meine eigene Linie Juwel-Weine gegründet. Und jetzt geht’s los.

Was ist deine Verbindung zum Wein?
Ich bin hier aufgewachsen. Unser Weingut gibt es hier in Alsheim seit 25 Jahren. Und klar, wenn man damit aufwächst, ist man einfach super verwurzelt. So war das früher jeden Samstag: alle durften ins Schwimmbad und wir mussten schön raus mit in den Wingert. So war das Weingut für mich mit viel Arbeit verbunden. Und deshalb habe ich mich auch am Anfang gefragt: „Ist das wirklich das Richtige? Will ich das auch so machen?“ Ich wusste, ich will etwas Geregeltes. Und dann habe ich aber ein Praktikum gemacht und die haben mich dann mit dem Weinbauvirus infiziert. Und ich habe das Ganze von einer ganz anderen Seite kennengelernt.
Ich hatte großes Glück, dass meine Eltern mitziehen. Da kommt das 23-jährige Töchterchen und will von heute auf morgen alles umkrempeln. Und das ist ja auch ein wahnsinniges Vertrauen, das einem da entgegen gebracht werden muss. Und das haben sie gemacht. Sie stehen zu 500% hinter mir, die ganze Family. Und das macht super viel Spaß, weil man einfach sieht, was so passiert. Man sieht, was du machst und wofür du arbeitest.

Welche Rebsorte ist deine liebste?
Natürlich hier in Rheinhessen: der Riesling. Das ist die Rebsorte, mit der ich als erstes zu tun hatte, wo ich direkt meine Freude gefunden habe. Außerdem steht die Rebsorte so sehr für Deutschland. Was ich aber auch sagen muss: Weißburgunder. Wir haben super geile Parzellen hier in Alsheim, mega Potential, was Klima und Böden angeht. Und deshalb kann man da so viel spielen. Wir haben ganz tolle alte Stöcke. Und deshalb auch definitiv der Weißburgunder.

Wenn du deinen absoluten Lieblingswein mit drei Kriterien beschreiben müsstest, welche wären das?
Ich brauche vier: elegant, Zug und Druck und enorm viel Trinkfluss.

Wo führst du uns heute hin?
Einer meiner Lieblingsorte ist der Elisabethen-See in Eich. Das ist mitten in der Natur. Da ist es einfach super ruhig. Du setzt dich einfach auf den Steg, schenkst dir ein gut gekühltes Glas Riesling oder auch Weißburgunder ein. Guckst einfach so ins Weite und entspannst und lässt die Seele baumeln.

Juliane, vier Jahre ist es schon her, dass du deine ersten eigenen Weine abgefüllt hast. Für all diejenigen, die deine Geschichte noch nicht kennen: Wie kamst du zu der Entscheidung, zurück in den Familienbetrieb zu gehen und eine eigene Weinlinie zu produzieren?
Vor vier Jahren bin ich zuhause eingestiegen. Ich bin gerade selbst überrascht, wie die Zeit rennt, völlig abgefahren! Da habe ich meine Weinlinie Juwel-Weine gegründet. Das ist eine Kombination aus meinem Vornamen Juliane, dem Nachnamen Eller und dem „W“ für Weine, Juliane Eller Weine. Dafür haben wir wirklich alles umstrukturiert und umgekrempelt. Sind noch mitten dabei. Und haben alles auf Handlese umgestellt. Von 25 Rebsorten runter auf sechs. Mich auf das fokussiert, was Sinn macht. Was ich gerne trinke, was ich gerne produzieren möchte. Und das macht Spaß!

War es schwierig, sich als junge Winzerin zu positionieren?
Klar war es manchmal schwierig, sich gerade als junge Frau zu positionieren. Ich meine, ich war 23 und bin in das Berufsleben eingestiegen. Und wenn du dann irgendwo mit Kunden am Tisch sitzt, das könnten alles meine Väter sein, Mitte 50, Anfang 60, die sich denken: „Was macht dieses kleine blonde Mädchen hier?“. Und natürlich war das am Anfang schon so, dass du super selbstbewusst auftreten musst. Da ich aber wusste, was wir uns zuhause für eine Arbeit machen und ich wusste, dass meine Weine auch einfach für sich sprechen, bin ich glaube ich sehr selbstbewusst aufgetreten und habe das nach außen transportiert, was meine Weine auch, ohne zu beschreiben, aussagen.

Wurden dir von Außenstehenden Vorurteile entgegengebracht? Gab es Menschen, die dir den Job und deine Entscheidung, in den Betrieb einzusteigen, nicht zugetraut haben?
Klar, man kennt ja noch das Bild von früher. Die Generation meines Vaters hat immer gesagt: „Zwei Mädels, wer macht da den Betrieb weiter?“. Und dass die jüngste dann eingestiegen ist, das gab es früher nicht. Von wegen: „Wie will ein Mädel ganz alleine den Betrieb schmeißen?“. Weil das eben ein Allround-Job ist. Du musst mit Maschinen klarkommen. Du musst Traktor fahren. Das ist rein körperlich, auch im Keller, ein super anstrengender Job. Und natürlich haben mich die ein oder anderen belächelt, so „als ob das kleine Mädel jetzt hier loslegen will“. Und Papa hat auch am Anfang immer gesagt: „Ruf mich doch. Ich helf’ dir!“. Aber nein, da muss man sich seine Tipps und Tricks aneignen. Und dann funktioniert das auch. Das ist am Anfang schon sehr harte Arbeit, aber da gewöhnt man sich recht schnell dran. Da das, was du machst super motivierend ist, fällt dir das am Ende gar nicht mehr auf.

Gab es da die Angst von deinen Eltern, dass niemand den Betrieb weiterführen könnte?
Das wurde bei uns nie thematisiert. Also da haben meine Eltern auch nie gesagt, dass eine von uns beiden den Betrieb weiterführen müsste. Und das ist auch enorm wichtig. Wenn du in den Beruf gedrängt wirst, wenn da Druck aufgebaut wird, dann kannst du das nicht machen. Du lebst den Job und dafür brauchst du auch die nötige Energie. Das kannst du nur machen, wenn du das auch wirklich willst.
Meine Schwester und ich, wir waren beide Anfang 20 und es ist nie der Satz gefallen von meinen Eltern: „Wie sieht’s denn eigentlich aus? Wir gehen jetzt ja auch auf einen gewisses Alter zu. Was machen wir denn jetzt hier mit dem Weingut? Wir haben uns das aufgebaut“ – nie! Das sage ich auch heute noch zu meinen Eltern, dass das super viel wert war, dass sie uns da nie unter Druck gesetzt haben. Sie haben es einfach laufen lassen. Es fügt sich am Ende schon alles so, wie es sein soll. Und das sehen wir jetzt auch.

Wann kam die Entscheidung, dass du den Betrieb weiterführen möchtest?
Winzerin werden – das war jetzt nicht schon immer mein absoluter Berufswunsch. Die Entscheidung, dass ich wirklich in den Betrieb einsteigen will und dass ich mich selbst verwirklichen will, die war nicht schon immer da. Also das ist wirklich erst mit dem Praktikum gekommen, als ich dieses Weinbusiness von einer ganz anderen Seite kennengelernt habe.
Und dann habe ich gemerkt, dass es auch für Frauen möglich ist von der körperlichen Arbeit her. Dass die ganze Umsetzung einfach machbar ist. Dann habe ich irgendwann gedacht: „Ja geil, es geht ja auch anders. Machen wir! Und hoffentlich zieht die ganze Family mit und wir können es umsetzen.“.
Etwas eigenes mit den Händen zu erschaffen und am Ende in die Flasche füllen, jemandem eingießen und die Leute sagen: „Hä, macht irgendwie Spaß, was du da machst!“ und das war so ein Klick der irgendwann kam.

Gibt es Unterschiede in der Art, wie Männer und Frauen Wein machen? Im An- und Ausbau?
Also ich glaube, es gibt definitiv Unterschiede zwischen der Weinbereitung und des -ausbaus zwischen Männern und Frauen. Es ist definitiv so, dass Frauen sensorisch sehr sehr sensibel sind. Und ich glaube einfach, dass wir so mit ganz ganz viel Feingefühl und Fingerspitzengefühl an die ganze Sache rangehen. Ich kann jetzt auch nur von mir sprechen. Ich bin super penibel, was die Weinbergsarbeit angeht. Und dann natürlich auch während der Ernte, wo aber auch alle um mich rum die Krise kriegen. Weil ich so sehr schaue, dass alles läuft. Und natürlich auch beim Cuvéetieren am Ende. Wir bauen alles in einzelnen Tanks aus und am Ende entscheide ich 500.000 mal: mache ich das jetzt da rein oder nicht? Nehme ich die Partie oder nicht? Und ich glaube, dass die Frauen da super sensibel sind.

Gibt es Clichées in der Weinwelt, was die Aufgabenverteilung zwischen Männern und Frauen angeht?
Gibt es mit Sicherheit, dass die Frauen so für die Vermarktung und Büro & Co da sind. Und draußen die Weinbergsarbeit und den Keller – das machen die Männer. Und ich glaube, dieses Umdenken, das findet statt. Zumindest, was ich so mitbekommen habe. Das hat so vor fünf Jahren angefangen, dass diese Offenheit gegenüber Frauen da ist. Ich glaube, da ist ein extremer Wandel da und das ist auch gut so.

Wie sind deine Pläne für die Zukunft?
Meine Pläne für die Zukunft sind eigentlich völlig „feel free“. Wenn mir irgendwas in den Kopf kommt und ich habe da Bock drauf, dann setzen wir das irgendwie um. Aber es ist schon so mein Grundmotto: Weniger ist mehr. Ich will mich da jetzt nicht verzetteln. Sondern ich mache das, worauf ich Bock habe, was irgendwie passt. Und woran ich mega viel Spaß habe. Deshalb gibt es keine krassen Pläne. Ich lass es einfach laufen. Die nötige Entspanntheit muss dabei sein. Dann ist alles gut.

Hast du Erfahrungen gemacht, die nur Frauen in deiner Position machen würden?
Da habe ich wirklich noch nie Erfahrungen machen müssen, bei denen ich dachte: „Okay, krass. Das hast du jetzt wirklich nur einstecken müssen als Frau!“. Ist mir glücklicherweise noch nie passiert.

Was sind für dich die wichtigsten Punkte bei der Weinproduktion?
Ich habe schon einen genauen Plan im Kopf, was für Weine ich produzieren möchte. Wo ich am Ende hin will, wie der Wein in der Flasche schmecken soll. Und der Grundstein dafür liegt draußen im Weinberg. Und das war am Anfang auch so witzig. Meine Eltern haben gedacht: „Was macht die denn da?“. So penibel, diese extra Arbeiten. Wieder zurück zum Handwerk. Keine Maschine kann das machen, was du mit deinen Händen machst. Das ist ein riesiger Unterschied. Auch die Arbeit im Sommer, die ganzen Entblätterungen. Dass du deinen Weinberg draußen ins Gleichgewicht bringst.
Und dann natürlich das Hauptding: die Ernte. Da bin ich immer so anstrengend. Weil wir Weinberge verschieden lesen. Wir lesen erst den oberen Teil, dann den unteren Teil. Bauen das auch unterschiedlich aus, weil ich das Potential bis aufs Letzte rausholen will. Und da hat mein Papa auch gesagt, dass machen wir jetzt doch nicht wirklich. Und ich habe aber gesagt: „Doch, das machen wir!“. Da braucht man Konsequenz und Selbstbewusstsein, Entscheidungen zu treffen. Du triffst jeden Tag Entscheidungen und du hast super viele Leute um dich rumrennen und musst einfach sagen: „Nein, während der Ernte bin ich diejenige, die ansagt: Wir machen das so und so und so.“.
Und dann geht es weiter mit der Weinbereitung. Wir bauen jeden kleinen einzelnen Tank anders aus und am Ende habe ich 35 verschiedene Tanks stehen und man ist ganz ganz penibel, was wo rein kommt. Und da muss ich mir ganz viel Zeit lassen.
Aber ich würde niemals etwas abfüllen, was meine Eltern vorher nicht probiert haben. Ich stelle meinen Eltern alles hin, weil die eine jahrelange Erfahrung haben. Und wenn die mal sagen würden: „Okay, Jule, was hast du denn da gemacht? Das geht auf gar keinen Fall.“. Dann würde ich alles nochmal umschmeißen und nochmal neu anfangen.

Das heißt, die Zusammenarbeit zwischen dir und deinem Papa ist gut. Ihr vertraut euch und arbeitet zusammen?
Genau. Da ich es komplett umgekrempelt habe, kann Papa mir im Keller gar nicht so wirklich helfen. Weil er es so gar nicht kennt. Aber die wichtigsten Sachen: der Geschmack und das, was am Ende rauskommt – da würde ich niemals eine Entscheidung treffen, ohne dass meine Family da drübergeguckt oder probiert hat. Das ist auch für mich super wichtig.

Du hast jetzt eine sehr schnelle Entwicklung gemacht. Glaubst du, die Tatsache, dass du eine junge Frau bist, war da auch manchmal ein Katalysator?
Ich finde das ganz schwierig, da zu differenzieren. Es kommt auf den Menschen an. Auf die Charakterzüge, auf die Ausstrahlung, auf die Ziele. Ich weiß nicht, ob man das in Bezug auf Mann oder Frau pauschalisieren kann. Am Ende entscheide ich alles aus dem Bauch heraus. Und lege einfach los. Ich mache mir da gar keine Gedanken drüber, weil ich auch noch nie eine negative Erfahrung gemacht habe. Und klar ist es am Anfang so, dass die Menschen überrascht sind, dass da einfach so ein 23-jähriges Mädel sitzt und so ein bisschen die Welt erklärt oder irgendwie ihre eigene Welt erklärt, was auch immer die dann ist. Aber ich glaube, klar ist man da am Anfang ein bisschen zurückhaltend oder skeptisch Jobeinsteigern gegenüber. Aber das ist doch auch positiv, weil man so dieses Freie, diese Lockerheit, diese Entspanntheit und nichts Verkorkstes oder Verkrampftes mitbringt.

Vielen Dank für den spannenden Tag bei dir im Weingut! Wenn ihr jetzt neugierig sein solltet und wissen möchtet, wie die Juwelen von Juliane schmecken, schaut in unserem Weinregal vorbei.