Kathrin Starker ist keine Winzertochter und obwohl sie sich nach dem Abitur direkt für ein Studium in Geisenheim entschieden hat, nennt man das in der Weinwelt dann trotzdem noch eine „Quereinsteigerin“. Für die Kellermeisterin ist das Geschlecht schon längst kein Thema mehr. Wenn überhaupt erfährt sie eine Unterscheidung zwischen Mann und Frau von der Kundenseite. Sie zeigt: Sich (als Frau) ohne eigenen Betrieb im Hintergrund für einen Berufsweg in der Weinwelt zu entscheiden, ist heute kein Problem mehr.

Wer bist du?
Mein Name ist Kathrin Starker. Ich bin 32 Jahre alt, wohne in Koblenz und bin Kellermeisterin beim Weingut Heymann-Löwenstein in Winningen an der Mosel.

Wie ist deine Verbindung zum Wein?
Gute Frage. Meine Verbindung zum Wein ist, dass ich aus einer Weinregion stamme. Ich bin aber vom Hintergrund her Quereinsteigerin und habe mich nach dem Abitur dann entschieden, Weinbau zu studieren. Und um das nochmal zu safen, habe ich ein Praktikum nach dem Abi gemacht. Und meine Vorstellungen vom Weinbau haben sich dann eigentlich nur bestätigt. Sodass ich es dann in Geisenheim vier Jahre studiert habe. Und dann direkt bei Heymann-Löwenstein als Kellermeisterin angefangen habe.

Welche ist deine liebste Rebsorte?
Blöde Frage. Ich komme von der Mosel. Insofern ist das auf jeden Fall der Riesling. Ich versuche es auch immer wieder mit anderen Rebsorten, aber ich komme immer wieder zum Riesling zurück. Wobei Spätburgunder auch ein großer Teil meines Herzens gehört.

Wenn du deinen liebsten Wein mit drei Wörtern beschreiben würdest, welche wären das?
Emotion, Geborgenheit und Freundschaft.

Wo sind wir hier?
Wir befinden uns hier in der Lage Winninger Uhlen. Dort haben wir nur diesen blauen Schiefer. Und dort kommt eines unserer großen Gewächse her. Für mich einfach ein toller Ort.
Später sind wir noch in unserem Fasskeller von unserer alten Jugendstil-Villa. Der Ort, an dem ich die meiste Zeit verbringe. Hier reifen die Weine, hier vergären die Weine. 1889 wurde das Gebäude gebaut. Und das ist natürlich auch für Mosel-Verhältnisse ein sehr großer Keller. Hier können wir super arbeiten, haben ein tolles Mikroklima. Wir arbeiten nur mit weinbergseigenen Hefen. Für mich war es nach dem Studium vor allem ein besonderer Ort, um erstmal zu sehen, dass all das, was uns in der Schule beigebracht wurde, hier eigentlich widerlegt wird. Es hieß immer, auf gar keinen Fall mit Spontanhefen arbeiten. Lieber die industriellen Hefen nutzen, auf Nummer Sicher gehen. Und die ersten Jahre habe ich nur damit verbracht, von Reinhard zu lernen, was alles möglich ist.

Wie sind wir hier hoch gekommen?
Wir sind mit einer Monorackbahn hier hochgefahren. Kann man sich vorstellen wie eine Zahnradbahn, mit der wir hauptsächlich in der Ernte die Trauben transportieren. Aber eigentlich bei jeder schweren körperlichen Arbeit, hauptsächlich um das Material hochzutransportieren. Ansonsten ist in den Terrassenlagen alles Handarbeit. Das heißt, wenn wir in so eine Lage gehen, dann fangen wir unten an und sollte es mal passieren, dass wir vor Feierabend die letzten Terrassen nicht mehr schaffen, dann würde man mit den Leuten beim nächsten Mal wieder hochfahren.

Du arbeitest als Kellermeisterin in einem traditionsreichen VDP-Weingut an der Mosel. Aus eurem Keller stammen nur feinste Tropfen. Wie sieht deine Arbeit als Kellermeisterin aus?
Das mit dem Begriff Kellermeisterin ist immer so eine Sache. Klar, ist meine Hauptaufgabe der Keller. Da habe ich so die Hand drüber zusammen mit meinem Chef Reinhard. Aber sobald die Gärungen beendet sind – wir vergären gerne alles mit weinbergseigenen Hefen – habe ich eigentlich erstmal nicht mehr viel dort zu tun. Die Weine liegen im Fass und reifen. Sodass ich dann mit draußen im Weinberg bin. Oder mich um Etikettierung und Versand kümmere. Ich mache auch Präsentationen oder Verwüstungen im Weingut. Eigentlich von allem ein bisschen was. Deswegen jetzt nur Kellermeisterin ist immer ein bisschen schwierig. Aber es ist mein Hauptaufgabenbereich.

Wie kommt es, dass du bei Heymann-Löwenstein gelandet bist?
Das war 2008, dass Reinhard mich mit einem gemeinsamen Freund anrief und sagte: „Hör mal, ich hätte gerne Unterstützung. Ich suche eine rechte Hand. Hättest du eine Idee? Du studierst gerade in Geisenheim. Vielleicht kennst du jemanden, der demnächst Abschluss macht?“ Das hat mir dann unser Kumpel erzählt und ich war Feuer und Flamme. War aber noch mitten im Studium. Habe aber Reinhard dann einfach mal angerufen und gesagt: „Ich hätte total Bock, es dauert aber noch ein Jahr, bis ich fertig werde!“. Und wir kannten uns schon von vorher und für ihn war das kein Thema. Er sagte: „Schau erstmal. Mach dein Studium fertig und wenn du fertig bist, dann rufst du einfach nochmal an und dann gucken wir mal. Vielleicht ist die Stelle ja noch frei.“ und so war es dann auch. Ich habe mein Praxissemester beendet, kam aus Neuseeland wieder und zwei Tage nach dem Rückflug bin ich sofort hier her. So fing das dann an. In den ersten Jahren aber erstmal nur in lernender Funktion. Reinhard hat mir genau Vorgaben gemacht, wie was zu tun ist. Und mit den Jahren ist die Erfahrung so gewachsen, dass ich auch selbst Entscheidungen treffen kann und mich da sicherer fühle.

Hast du je Vorurteile dir gegenüber erfahren, weil du eine Frau bist?
Also Vorurteile, jetzt nur weil ich eine Frau bin, sind mir eigentlich von der Betriebsleitung her nie entgegengebracht worden. Was auch sehr mein Selbstvertrauen gestärkt hat. Eher von Kundenseite. Und eigentlich macht es deswegen umso mehr Spaß, zu zeigen, dass es eigentlich gar kein Thema mehr ist. Also mittlerweile nervt es mich eigentlich schon fast. Ich bin auch der Meinung, dieses Thema Frauen und Wein ist sehr überholt. Post Gender und so. Wir sollten da so langsam einen Schritt vorwärts gehen und keinen Unterschied mehr machen, ob das jetzt eine Frau ist oder ein Mann. Ich denke, wer einen geilen Wein macht, der hat’s halt einfach drauf. Egal ob er Mann oder Frau ist. Deshalb schmunzel ich dann schon, aber ich gehe eigentlich gar nicht auf das Thema ein. Frage „Leute, schmeckt euch der Wein? Ja oder nein?“ – und darum geht’s.
Natürlich zählen auch die Leute, die dahinter stehen, aber das ist eigentlich Wurscht, ob es Mann oder Frau ist.

Hast du je daran gedacht, deine eigenen Weine zu produzieren?
Den Wunsch nach meinem eigenen Wein hatte ich auf jeden Fall. Ich habe da auch lange drüber nachgedacht. Aber für mich haben drei Dinge immer dagegen gesprochen. Das erste ist die Freiheit, die ich als Angestellte habe. Das hört sich jetzt erstmal widersprüchlich an, aber ich habe während des Studiums bei vielen Kommilitonen gesehen, was Selbstständigkeit bedeutet. Wie viel Zeit da drauf geht und dass es einfach Gebundenheit bedeutet. Und ich reise sehr gerne, teile mir meine Zeit gerne selbst ein. Ehrlich gesagt, kann ich mich hier im Betrieb auch total einbringen und nur weil mein Name nicht auf der Flasche steht, heißt das nicht, dass weniger Herzblut in dem Produkt drin steckt. Das kann man auch gut vereinen, ohne dass der Betrieb mir gehört. Deswegen war das für mich vollkommen in Ordnung, aber das kommt natürlich auf den Betrieb an, wo man da landet.

Und welches sind die anderen beiden Punkte?
Die anderen beiden Punkte wären, dass die Selbstständigkeit mit einem hohen Risiko verbunden ist. Alleine die Wetterkapriolen, die ich in den Jahren hier erlebt habe und mitfiebere. Das ist schon ein enormer Druck, dem ich mich anscheinend nicht gewachsen fühle. Was aber auch okay ist für mich.
Der dritte Punkt ist, dass das Thema Familie für mich sehr wichtig ist. Ich habe vor vier Monaten eine kleine Tochter bekommen. Und merke, wie viel Zeit und Kraft ich der Sache spenden möchte. Und merke auch für mich, dass ich glaube ich nicht dem gerecht werden würde, wie ich mir das als Mutter vorstelle, wenn ich jetzt selbstständig wäre. Dass ich es einfach nicht komplett so machen würde, wie ich es mir wünschen würde.

Hast du vor, direkt weiterzuarbeiten oder nimmst du dir eine kleine Auszeit?
Ich nehme mir schon eine gewisse Auszeit. Alleine schon für die Zeit des Stillens. Aber ich bin sehr froh, dass ich einen Freund habe, der da mitzieht. Und wir uns das einfach aufteilen und auch schon wieder so in diese Post Gender-Richtung rutschen. Ich denke einfach, wenn man einen guten Partner hat, der da mitzieht, das heißt, er wird beruflich zurückstufen, ich steige wieder ein, dass wir die Betreuung dann trotzdem hinbekommen. Und ja, für ein Kind gibt es glaube ich nichts Geileres, als wenn beide Elternteile zu gleichen Teilen da sind. Wenn sich das der Mann oder der Partner im allgemeinen, könnte ja auch eine Frau sein, vorstellen könnte, dann ist das voll in Ordnung. Das schöne ist, dass das bei uns der Fall ist. Das war schon immer so geplant. Dann kann ich direkt wieder einsteigen. Ziel ist: nächste Weinlese.

Gibt es Unterschiede in der Art, wie Frauen und Männer Wein an- und ausbauen?
Unterschiede im An- und Ausbau von Weinen, sei es jetzt ein Mann oder eine Frau… – es gibt Unterschiede, aber das ist personenbezogen. Das ist was persönliches und nicht etwas geschlechterspezifisches. Für mich zumindestens, aber auch immer für die Leute, bin denen ich zusammen gearbeitet habe. Bei meinen vielen Praktika oder jetzt auch bei uns im Betrieb, hat einfach jeder Mensch eine andere Herangehensweise. Aber das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Da könnte man schnell in diese Klischeebilder verfallen, aber ich habe beides erlebt, insofern ist das für mich kein Thema.