Sabine Wienk-Borgert leitet den Außenbetrieb in einem Weingut in der Pfalz. Ihr Team besteht nur aus jüngeren Männern. Das ist relativ unüblich, dass eine Frau für die Arbeiten im Weinberg verantwortlich ist. Und in den 70er Jahren war das wohl undenkbar. Damals hat sich Sabine entschieden, eine Winzerlehre anzufangen. Aber das war gar nicht so leicht.

Wer bist du?
Ich bin Sabine Wienk-Borgert. Ich bin Winzerin und Weinbau-Ingenieurin. Und arbeite hier in St. Martin im Weingut Schreieck. Jetzt schon seit 16 Jahren. Und kümmere mich mit meinem Team um den Außenbetrieb, die Außenwirtschaft. Was mir auch sehr viel Spaß macht und mich jeden Tag aufs Neue herausfordert.

Was sind deine Aufgaben?
Meine Aufgaben hier im Betrieb, im Weingut Schreieck, sind die Handarbeiten. Ich kümmere mich mit meinem Team um das Schneiden, Biegen, Ausbrechen. Wir sind dafür verantwortlich, dass die Weinberge schön sind, dass die Qualität stimmt. Dazu gehört auch das Entblättern, die Handlese. Das ist auch etwas, was wir verstärkt machen – eben für die guten Qualitäten, die wir produzieren wollen.

Wie ist deine Verbindung zum Wein?
Oho, da muss ich erstmal überlegen. Mir schmeckt er ganz gut. Nein, das auch, aber ich bin von Haus aus eine Winzerstochter. Ich konnte ja gar nichts anderes werden als Winzerin. Mein Vater hat mich für den Wein begeistert. Das muss ich schon sagen. Habe Winzerin gelernt und meine Ausbildung gemacht von der Pike auf. Und dann habe ich später auch in Geisenheim studiert. Nach der Familienphase bin ich hier in St.Martin gelandet. Das ist mittlerweile schon 16 Jahre her.

Welche ist deine Lieblingsrebsorte?
Eindeutig ist meine Lieblingsrebsorte der Riesling. Riesling ist unglaublich spannend. Super Säure, super Geschmacksvielfalt und einfach jeder Schluck ein Spaß.

Wenn du deinen Lieblingswein mit drei Wörtern beschreiben müsstest, welche wären das?
Mein Lieblingswein, der braucht erstens ein sehr langes Kleid. Es muss eine richtig schicke Diva sein mit einem langen Kleid. Und die Frau – mein Wein ist immer weiblich, das ist ja klar, ich bin ja schließlich auch eine Frau – muss richtig Klasse haben. Klasse und Finesse.

Du bist verantwortlich für alles, was draußen im Weinberg passiert. Wie kommst du zu dieser Position im Betrieb?
Also ich habe mich nicht beworben. Sie haben mich gefunden. Der Herr Schreieck hat mich damals angerufen, hat mich gefunden und hat gesagt: „Du machst das jetzt hier. Mit den Weinbergen.“.
Schreiecks haben jemanden gesucht, der die Handarbeiten im Betrieb begleitet. Der die Außenwirtschaft auf Vordermann bringt. Ja, so kam ich hierher. Und ich habe mir das auch selbst so erarbeitet mit einem Team zusammen, das mich jeden Tag unterstützt.

Du leitest als Frau ein Team, das nur aus Männern besteht. Musstest du dich erstmal beweisen?
Ich muss mich jeden Tag beweisen in meinem Job, das ist ganz klar. Ich muss jeden Tag gut sein. Ich muss jeden Tag alles geben. Ich muss genau so gut arbeiten, wie die Männer – die jungen Männer. Die sind teilweise halb so alt wie ich. Aber ich finde, das klappt ganz gut. Also ich komme gut mit Männern aus. (Flüstert:) Besser als mit Frauen.
Nee, die Männer sind echt klasse. Ich habe lauter hübsche junge Männer – Mensch, ist das nicht klasse. Das motiviert mich jeden Tag wieder aufs Neue.

Wie ist dein Team zusammengesetzt?
Wir haben hier ungefähr fünf, manchmal auch sechs junge Männer, die mit uns arbeiten. Die teilweise Schlepperarbeiten machen, aber auch mit mir gehen. Wir wechseln uns immer ein bisschen ab. Und morgens überlegen wir: „Was ist jetzt gerade dran?“. Heute morgen zum Beispiel haben wir mit einigen Leuten Steine gerafft, gesucht. Wir haben neue Weinberge angelegt und da müssen die großen Steine rausgeholt werden. Ich bin mit einem anderen Team zum Drähte-Runterlegen. Also wir öffnen die Drähte hier, damit die Reben durchwachsen können. Das ist etwas, was im Moment gemacht wird, bevor die Triebe wachsen. Und so wird jeden Morgen neu entschieden, was am Tag gemacht wird. Wer mit wem zusammenarbeitet.

Du bist Mitglied bei Vinissima. Worum geht es euch in diesem Verein?
Vinissima ist ein Weinfachfrauen-Verein. Wir haben hier in der Pfalz einen Zweigverein mit über 120 Mitgliedern. Wir bilden ein Netzwerk zusammen. Wir können uns unterstützen, wir haben zusammen Veranstaltungen. Wir haben auch viel Spaß miteinander. Wir sind Freundinnen. Mit dem Wein zusammen. Winzerinnen, Weinhändlerinnen, Gastronominnen. Wir können uns jederzeit unterstützen mit unseren Erfahrungen, sich gegenseitig helfen und das ist ganz wichtig in dieser Branche, die auch häufig von Männern dominiert wird. Und ja, ist einfach auch schön, wenn man so ein Netzwerk hat von Frauen, die sich um den Wein bemühen.

Du kennst viele Weinfrauen. Gibt es Unterschiede in der Art, wie Männer und Frauen Wein an- und ausbauen?
Frauen und Männer arbeiten generell sehr unterschiedlich mit Wein oder auch im Keller oder auch draußen. Also wir Frauen haben ein Händchen. Ein ganz anderes Händchen als die Männer. Auch eine andere Zunge. Manchmal würde ich sagen, dass wir sogar ein feineres Gespür haben für den Wein. Aber ob man das nachher schmecken kann, ob man sagen kann, der Wein, den eine Frau im Keller ausgebaut hat, schmeckt so oder so. Also ich denke, das ist auch eher emotional.

Hast du Erfahrungen gemacht, die nur Frauen in deiner Position machen würden?
Ich kann ja nur von mir sprechen, nicht von anderen. Ich kann euch mal sagen, was ich schon erlebt habe als Frau in meiner Branche. Erstensmal hätte ich fast keine Lehrstelle bekommen damals in den 70er Jahren, weil es für Frauen überhaupt keine Lehrstellen gab. Die Frau im Winzerbetrieb hatte früher eine ganz andere Position gehabt. Die war die Frau des Winzers, hat sich auch meistens um das Häusliche gekümmert. Auch heute wird die Frau noch viel in den Weinverkauf gesteckt. Aber ich denke, mittlerweile sind wir soweit, dass Frauen alles machen können. Draußen arbeiten, im Keller, im Vertrieb – eben alles. Und ich denke auch, dass wir uns mit der Zeit einfach eine Position in dieser Weinwirtschaft erarbeitet haben. Und dass wir genauso behandelt werden, wie die Männer. Ich finde das einfach normal mittlerweile.

Sabine, du bist wohl der Inbegriff von Powerfrau. Danke dir für das Interview! Zum Schluss möchten wir dir noch einen Wein empfehlen, der den Vorstellungen deines Lieblingsweins von einer Diva mit Klasse und Finesse entsprechen könnte. Wir treffen dich gerne noch einmal auf ein Glas vom Ruppertsberger Hoheburg Riesling von Marie Menger-Krug – auch aus der Pfalz!