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Feinherber Feminismus

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Romana Echensperger

Romana ist Sommelière, Journalistin, Autorin und Master of Wine. Für alle, die diesen Titel nicht kennen: das ist so ziemlich die höchste Auszeichnung, die man in der Weinwelt erreichen kann. Kein anderer Titel demonstriert Fachwissen so sehr wie dieser. Da prostet dir jeder Weinkenner anerkennend zu. Weltweit gibt es nur 355 Menschen, die diesen Titel tragen. In Deutschland gibt es drei Frauen, die diese Ausbildung abgeschlossen haben – Romana ist eine davon. Außerdem hat sie gerade ein Buch geschrieben: „Von wegen leicht und lieblich. Ein Weinbuch nur für Frauen“. Romana könnte also nicht besser in unsere Feinherber Feminismus-Reihe passen. Sie erzählt, wie sie sich einen Platz in der Weinwelt erkämpft hat, wo es Unterschiede beim Weinkauf und der Weinbewertung zwischen Männern und Frauen gibt und was sie davon hält, wenn Weine mit den Begriffen „maskulin“ oder „feminin“ beschrieben werden.

Wer bist du?
Mein Name ist Romana Echensperger und ich bin schon ganz lange in der Weinbranche, schon seit 15 Jahren. Das ist immer so heftig, wenn man das sagt. Und bin Master of Wine1 und seit sechs Jahren selbstständig in der Weinbranche unterwegs.

Wie ist deine Verbindung zu Wein?
Meine ursprüngliche Verbindung zu Wein kam eigentlich auf Umwegen. Ich komme aus Bayern, aus einem kleinen Dorf. Mein Vater hat zwar schon immer ganz gerne Wein getrunken. An Weihnachten kam immer so ein Vertreter – das kann man sich ein bisschen so vorstellen wie bei Loriot mit so einem kleinen Köfferchen. Und dann: Trara, Chablis2. Und dann haben wir eben mal ein paar Weine getrunken. Das war immer ein richtig großes Fest!
Aber ansonsten hat man in der Familie nicht so wirklich Wein getrunken. Ich kam eigentlich erst über die Gastronomie dazu. Ich habe im Königshof in München gelernt, wo ja Wein ein ganz großes Thema ist. Die haben einen riesigen Keller. Von außen sieht das ja nicht so schön aus, aber der Keller da unten, der ist ein Paradies für Weinfreunde. Und da wurde man so richtig angefixt. Weil dieses Thema Wein war immer in der Luft. Und immer war da so eine Aufregung drumherum.
Und da bin ich quasi von der Reblaus gebissen worden.

Welche ist deine liebste Rebsorte?
Das kann man immer schwer sagen, weil es auch immer davon abhängt, was man für eine Stimmung hat. Ich finde, wenn jetzt zum Beispiel Weihnachten ist oder gerade in der Herbstzeit – ich koche wahnsinnig gerne und wenn ich dann Wild zubereite, dann passt ein Pomerol3, also ein Merlot.
Wir sind ja gerade in Franken. Ich liebe Silvaner. Ich habe auch meine Master of Wine-Abschlussarbeit über das Thema Silvaner geschrieben und das ist für mich eine totale Herzensangelegenheit. Silvaner geht für mich immer.
Aber ich liebe auch andere Weine. Also das kann man wirklich schwierig sagen. Eine Rebsorte – das wäre irgendwie infam, sich da festzulegen. Es gibt zu viele tolle Rebsorten!

Mit welchen drei Worten würdest du deinen absoluten Lieblingswein beschreiben?
Eigentlich ist es ganz einfach. Es reicht auch eins: wunderbar. Und zwar dann, wenn der Wein wunderbar zu dem Moment passt, in dem man sich gerade befindet. Ich glaube, dass aus Wein oftmals so ein Buhei gemacht wird. Ich habe lange als Sommelier in einem 3 Sterne-Restaurant gearbeitet und ich war noch nie so ein Sommelier, der so stundenlang über dem Glas schnüffelt und dann haut er mal wieder so ein Aroma raus. Also das ist nicht mein Ding.
Und ich finde, Wein muss zum Moment passen. Und das kann ganz unterschiedlich sein. Ich habe ein Jahr auf Mallorca gearbeitet und wenn man dann aufs Meer schaut und man hat die Füße im Sand und man sieht den Sonnenuntergang und hat noch ein Schätzelein neben sich. Da schmeckt einem einfach alles. Da haben wir auch Rosé getrunken und fanden ihn super. Ich glaube, wenn man den hier trinken würde, würde man sagen: „Oh Gott, was ist das für ein Wein?“. Aber da schmeckt es einfach.
Oder an Familienfesten, da muss es natürlich was ganz besonderes sein, was einen so richtig anspricht. Alle Sinne anspricht, wo man ins Gespräch kommt.
Also meinen liebsten Wein würde ich mit wunderbar beschreiben und zwar wunderbar für diesen einen Augenblick.

Wann wusstest du, dass Wein dein Thema ist?
Das kam durch meine Ausbildung beim Königshof in München. Ich werde diesen Moment auch nie vergessen. Ich habe Restaurant-Fachfrau gelernt. Und da ist man schon der Depp für alles. Ich stand da hinterm Frühstücksbuffet, hunderte von Eiern braten und dann kam der Mittagsservice. Und das war noch die Zeit, zum Jahrtausendwechsel, als die Menschen so viel Schwarzgeld hatten. Und dann wurde das mittags mal auf den Kopf gehauen. Und dann immer einfach aus der Tasche raus gezahlt. Da wurden unfassbare Weine getrunken, auch mittags schon!
Und es war ein großer Tisch da. Die hatten Wein bestellt, Romanée-Conti aus dem Burgund, der wirklich einer der Kultweine ist – wusste ich aber nicht. Und wir hatten damals einen französischen Sommelier, der auch heute noch dort arbeitet, Stéphane Thuriot. Ihn schätze ich unglaublich. Und der kam dann zu mir ans Buffet und hatte einen Probeschluck für mich und sagte: „Hier probier mal, ist nicht schlecht.“. Ich hatte ihn dann probiert und auch wenn man keine Ahnung von Wein hat und auch überhaupt nicht sensibel ist dafür, aber man hat echt gemerkt – das ist was besonderes. Das fand ich so beeindruckend. Dass Wein so etwas kann. Dass ein Getränk das kann, dass man so ins Grübeln kommt oder so überlegt: „Wow, was hab ich jetzt hier? Wo kommt das her?“ – das ist so einzigartig!
Und das war für mich der Moment, in dem ich gemerkt habe: Darüber will ich mehr wissen. Und habe dann einen enormen Ehrgeiz entwickelt, weil es mich auch interessiert hat. Dann habe ich mich schon durchgekämpft, stückweit, weil man natürlich seinen Platz finden muss. Man muss gucken, wie komme ich an die Infos dran? Was muss ich machen? Welchen Weg muss ich da gehen?
Aber das war der Schlüsselmoment: dieses Glas, dieser Schluck und dieses Erlebnis. Das war großartig.
(Obwohl, lassen wir das mit dem Schwarzgeld lieber weg.)

Du sagtest, du musstest dich da ein wenig durchkämpfen. So als völlig ahnungslose Starterin im Weinbereich, war es da für dich schwierig, die ersten Schritte zu gehen?
Am Anfang war das nicht so ganz leicht. Man muss sich schon beweisen. Und ich hätte mir gewünscht, dass ich bei der ersten ProWein4, die ich besucht habe, eine versteckte Kamera dabei gehabt hätte. Dann könnte ich mir heute nochmal den ganzen Schwachsinn anhören, den man mir erzählt hat.
Ich habe das damals so empfunden, dass das Thema Wein sehr elitär behandelt wurde. Und wenn über Wein kommuniziert wurde, es immer genau so und nicht anders ist. „Ich weiß jetzt, dass der Wein was weiß ich wie viele Punkte hat. Und in diesem Jahr gab es aber fünf Regentage weniger.“ – das sind dann immer solche Aussagen, bei denen man denkt: „Oh Gott, jetzt hab ich das nicht gewusst. Jetzt bin ich aber ein schlechter Fachmann.“ Heute wird da wirklich weniger Buhei drum gemacht. Ich finde es wichtig, wenn man über Wein kommuniziert, dass man es einladend macht. Dass man Leute einlädt, es kennenzulernen. Zu sagen: „Mensch, probier mal.“ Und es sollte Wurscht sein, was man dann sagt. Man kann nichts Falsches sagen.
Das war zu meiner Zeit noch ein bisschen anders. Da musste man erst ein gewisses Selbstbewusstsein entwickeln. Ein dickes Fell. Und da hilft es auch manchmal, dass man eine Frau ist. Weil wir Frauen uns mehr fragen trauen. Während Männer oftmals den Anspruch haben, alles zu wissen, denken wir uns, wir fragen jetzt einfach. Ich weiß jetzt etwas nicht und danach weiß ich es.
Das ist eine der Beobachtungen, die ich gemacht habe. Andere haben da vielleicht ganz andere Dinge beobachtet.
Und das war schon auch ein Kampf. Das muss man sagen. Das ist mir nicht alles zugeflogen.

Du bist Sommelière, welche Kriterien müsste ein für dich optimaler Wein erfüllen?
Also ein optimaler Wein passt wie gesagt zu dem Moment, in dem man sich befindet. Das kann ganz unterschiedlich sein. Ich habe zum Beispiel auch verschiedene Gläser zuhause. Das ist jetzt mein Ding, muss man nicht haben.
Wenn ich also ein gutes Buch lese, dann hab ich so ein Kristallglas von Theresienthal. So ein supertolles, geschliffenes Glas. Das unglaublich toll in der Hand liegt. Also das hat jetzt nichts damit zu tun, dass sie die Aromen darin so toll entfalten und noch eine Pirouette drehen. Da hat man dieses Weinglas in der Hand, das fühlt sich unglaublich gut an. Dann liest man, trinkt einen Schluck, stellt das Glas hin, muss keine Angst haben, dass wenn man vom Sofa aus dorthin langt, dass es umfällt. Und dann trink ich einen Wein, der nicht wahnsinnig komplex ist. Der einfach umschmeichelt. Das kann meinetwegen ein Primitivo sein. Oder ein Barbera. Oder ein ganz samtiger Spätburgunder, der einfach schön zu trinken ist.
Ich koche unglaublich gerne. Wenn man Gäste einlädt und man hat etwas zu feiern, dann finde ich es schon toll, wenn man mal so richtig einen raushaut. Dann gibt es mal Champagner zum Empfang und einen tollen Dessertwein zum Schluss. Eine wunderbare Auslese, die man vielleicht ein paar Jährchen im Keller hatte. Dann freut man sich darauf, dass man sie wieder rausholt, die Flasche. Vor fünf Jahren gekauft und heute ist der Tag, an dem wir sie jetzt trinken. Da ist eine unglaubliche Freude mit verbunden.
Wein muss also zum Moment passen. Und der beste Wein kann ein Wein für fünf Euro sein oder ein Wein für hundertfünfzig Euro. Das ist einfach abhängig von der Stimmung, von der Atmosphäre, in der man sich gerade befindet.

Du bist eine von drei deutschen Frauen, die den Titel „Master of Wine“ trägt. Diesen Titel zu erlangen, gilt als eine der größten Herausforderungen in der Weinwelt. Kannst du uns einmal erzählen, worum es beim „Master of Wine“ geht?
Beim Master of Wine geht es natürlich darum, ganz viel Wissen und Hintergrundwissen zu haben, um danach ganz einfach über das Thema Wein kommunizieren zu können. Man kann es ein wenig vergleichen mit einem, der Pianist wird. Am Anfang hängt man noch auf den Tasten und an den Noten. Irgendwann, wenn es so eingeübt und verinnerlicht ist, kann man richtig Musik machen. Dann beherrscht man den ganzen theoretischen Teil. Das muss vom Kopf in den Bauch kommen. Und dann kann man anfangen, richtig gut darüber zu kommunizieren. Das macht für mich den Master of Wine aus. Dass man dieses Know-How, dass man sich alles angeschaut hat. Auch differenzieren kann: Was ist wichtig? Was ist eine Information, die ich wirklich brauche? Und was ist unnötiges Expertentum? Dass man das Wissen und dadurch das Selbstbewusstsein hat, zu entscheiden: „Das ist wichtig und darauf kann ich verzichten.“
Und es geht um Weinbau, Kellertechnik. Dann ging es auch um Business of Wine, also wie der Weinmarkt funktioniert. Das ist auch hochspannend. Ich bin ja mehr auf dieser Marketingseite tätig.
Das ist unglaublich interessant, wie so ein Marketingkonzept für verschiedene Weine funktioniert. Ob das ein Gallo White Blush ist, den man mit Eiswürfeln, im Pool auf einer Luftmatratze trinkt oder eben ein Marketingkonzept für einen wahnsinnig tollen Burgunder. Wie das alles funktioniert. Das ist unglaublich spannend. Für mich war auch wichtig, zu erkennen, dass nicht immer alles mit Terroir5 zusammenhängt. Das ist auch so ein Wort, das wird immer gerne genannt. Aber manchmal ist es einfach nur Marketing.
Ein Teil ist natürlich Tasting. Da wird man sehr demütig. Das knabbert manchmal wahnsinnig am Selbstbewusstsein. Wenn man übt und macht und tut. Und dann hat man wieder so ein Zwölf-Weintasting. Dann sitzt du da und sagst: „Das ist jetzt ein Chablis!“. Und du bist dir so sicher und du könntest wirklich dein Haus verwetten und deinen Mann verkaufen. Und dann kommt raus, es ist Sancerre. Eine ganz andere Rebsorte. Und man denkt: „Mein Gott, in zwei Wochen habe ich Prüfung. Und ich kann das nicht mal auseinanderhalten.“ – da wird man sehr demütig. Und das ist echt ein Trip. Man muss sich immer wieder aufraffen und es probieren. Das ist ein Lernprozess, immer an die Grenzen zu gehen und wenn man dort angekommen ist, darüber hinaus. Das macht für mich den Master of Wine aus. Eine unglaubliche Bereicherung für einen persönlich. Eine tolle Erfahrung. Ich möchte es zwar nicht nochmal machen. Ich bin froh, dass ich fertig bin, aber im Rückblick muss ich sagen, es war sensationell.

Wenn du an einen Wein rangehst, wie ist deine Haltung, also die Ausgangslage?
Die Ausgangslage ist: „Hallo!“. Also die Frage: Was haben wir denn da? Das ist für mich die Ausgangslage und dann zu sehen, für wen ist dieser Wein gemacht, von wem ist dieser Wein gemacht. Und dann verkosten: Geht das an mich? Dann natürlich auch der technische Anteil. Sind da vielleicht Fehler? Ist etwas nicht so gut gelungen? Und in der Schlussplatzierung wieder die beiden Fragen: Von wem und für wen ist der Wein gemacht?

Du hast ein Buch mit dem Untertitel „Das ultimative Weinbuch nur für Frauen“ geschrieben. Worum geht es in „Von wegen leicht und lieblich“?
Ich wollte mich einfach austoben. Ich wollte einfach Weinwissen ganz locker, leicht und flockig und auch meine Erfahrungen zusammenbringen. Wann welcher Wein passt, zu was welcher Wein passt. Wir hatten verschiedene Marktstudien analysiert und da gibt es eine tolle Genderstudie von der Uni Geisenheim. In der stand, dass Frauen anders Wein trinken als Männer. Das ist zwar sehr plakativ, aber gehört dazu. Manchmal muss man polarisieren.
Was mehrere Studien herausgefunden haben, ist, dass Frauen für Anlässe Wein kaufen, um den Wein mit Freunden zu teilen. Es geht da weniger um Prestige. Auch das Labeldesign spielt eine große Rolle. Frauen kaufen pragmatischer ein. Also wenn eine Frau gerade den Einkauf im Supermarkt erledigt, dann sieht sie eine Flasche, denkt sich, dass sie gut aussieht und dann wird sie in den Einkaufskorb gelegt. Frauen trauen auch eher ihrem Geschmack.
Dazu eine kleine Geschichte: Ich war mit einer anderen Master of Wine-Kollegin in Peking und wir haben diese Gambero Rosso-Verkostung gemacht. Dort werden drei Gläser der besten Weine überhaupt verkostet. Wir hatten ein Diner, das war alles unheimlich elegant. Und dann kam eine Tanninbombe nach der anderen. Uns hing schon die Zunge raus. Und am Schluss kam dann noch so ein Moscato. Das ist ein ganz blumiger Wein, richtig schön fruchtig, leicht bitzelnd. Und wir beide haben gleichzeitig gejauchzt: „Hach, Moscato!“. Und uns dann umgeschaut, um zu prüfen, ob das irgendjemand gehört hat. Und danach dachten wir: „Klar reagieren wir so. Wir lieben das einfach.“.
Ich glaube, dass Frauen generell mehr frei heraus sagen: „Ja, das schmeckt mir! Und ob da „feinherb“ draufsteht oder „Hello Kitty Rosé“ ist mir grad Wurscht. Ich trink das jetzt einfach.“. Da ist nicht so dieser Status dahinter.
Und dann haben wir dieses Konzept entwickelt. Da geht es einfach um einen Einblick in die Weinwelt. Auch darum, was Frauen in der Weinwelt bewegen. Da hat sich auch viel getan. Aus der Weinwelt waren die Frauen am Anfang ausgeschlossen. Und es geht um Rebsorten, Anlässe – zum Beispiel: der beste Wein gegen Liebeskummer ist Champagner. Am Ende haben wir ganz tolle Weinfrauen interviewt, die wirklich etwas in der Weinwelt bewegen. Und das wird vielleicht auch einige Leserinnen inspirieren, ihren Weg in die Weinwelt zu finden. Es ist wirklich spannend, wie viele Positionen die Weinwelt bereithält. Ein ganz tolles Berufsfeld.

Du sagtest, es war nicht immer leicht für Frauen in der Weinwelt. Inwieweit hat sich das verändert?
Es hat sich sehr positiv verändert. Da haben sich ganz viele Entwicklungen abgespielt. Als Winzerin war früher immer Thema, dass die Arbeit körperlich so schwer war. Heute gibt es Maschinen, Geräte, die die Arbeit unglaublich erleichtern. Damit ist es heute selbstverständlich, dass auch Frauen den Betrieb übernehmen. In den anderen Bereichen haben wir Frauen uns auch ganz toll weiterentwickelt. Im Buch führe ich auch ein Interview mit Maggie Henriquez, der Chefin von Krug-Champagner, einer der wahnsinnigsten Champagner. Sie kommt aus Mexiko und sie hat als Mexikanerin einen Traditionsbetrieb als Chefin übernommen. Das ist eine riesige Herausforderung gewesen, sich da durchzusetzen. Und einen Satz, den sie zu mir gesagt hat, fand ich besonders toll: „Wir Frauen müssen unsere Töchter nicht so erziehen, dass sie immer geliebt, sondern respektiert werden wollen.“.
Und die Entwicklung hat zwei Seiten: einmal, wie offen ist die Weinwelt für Frauen und wie füllen Frauen dann ihre Positionen aus. Und aus meiner Sicht, ist es heute kein Thema mehr: Frauen in der Weinwelt. In den letzten 50 Jahren hat sich da wirklich viel getan.

Hast du Erfahrungen gemacht, die nur Frauen in deiner Position machen würden?
Ich habe ja als junge Frau eine Chef-Sommelier-Stelle übernommen. Da wurde man oft nicht so ernst genommen. Das kann aber auch am Alter liegen. Also da kommt dann so eine junge Frau mit Weinkarte und will dann einem Sammler erzählen, ob jetzt der Wein oder der Wein. Ich weiß nicht, ob das alleine an der Weiblichkeit liegt. Ich muss auch sagen, dass man als Frau in dem Job auch Vorteile hat. Damit kann man auch spielen. Als Frau kann man sich wunderbar blöd stellen und dann köstlich amüsieren. Ich gehe ab und zu in den Weinladen und sage: „Ich brauche einen Wein für heute Abend. Mein Mann schickt mich.“ – das kommt super. Auch im Restaurant hat man Gäste, die ganz fürchterlich falsche Dinge sagen. Eigentlich ist mir sowas egal, aber wenn man sich schon so hinstellt, wie ein Pfau und einen raushaut, dann sollte das schon sitzen. Das kann man auch sehr gut abfangen mit „Ach ja wirklich?“.

Inwieweit wären die Erwartungen an dich und deine Arbeit andere, wärst du ein Mann?
Ich glaube gar nicht. Das kann man nicht mehr so sagen. Da gibt es keine unterschiedlichen Erwartungen.

Weine werden häufig mit feminin oder maskulin beschrieben. Was meinen die beiden Begriffe?
Das stört mich immer ein bisschen, weil feminin dann eher für die leichten, lieblichen, weniger ernstzunehmenden Weine steht, die sofort zu trinken sind und die maskulinen Weine sind dann eher die ausdrucksstarken, die auch Lagerpotential haben. Für mich ist das eine blöde Begrifflichkeit in der Weinbeschreibung. Da muss man sich jetzt mal etwas Mühe machen und das ganze anders beschreiben.

Glaubst du, es gibt Unterschiede in der Art wie Männer und Frauen Wein an- und ausbauen?
Das glaube ich nicht. Ich glaube der Weingeschmack hängt nicht am Geschlecht, sondern daran, wie oft jemand Wein trinkt und wie sehr man sich damit beschäftigt. Wir alle kennen ja die Entwicklung, dass man während der Studentenzeit Lambrusco und Asti trinkt, süß und pappig. Damit fängt man an und je mehr man sich dann damit beschäftigt, desto mehr prägt sich der Weingeschmack aus und am Ende landet man dann beim feinsten Pinot Noir. Das ist das Ende. Wenn man bei Pinot Noir angekommen ist und das wirklich verstanden hat, dann ist man wirklich oben angekommen in seiner Erfahrungslaufbahn.
Dass Frauen eher zu leichten, fruchtigen Weinen tendieren, wenn man sich die Statistik anschaut, hängt auch damit zusammen, dass Frauen weniger häufig Wein trinken. Als Winzerin ist man ständig mit seinem Produkt beschäftigt, vergleicht sich bestenfalls auch mit anderen Winzern und verkostet Weine aus aller Welt und sucht dann seinen Stil, den man auch zeigen möchte. Entscheidet sich für die Art, wie man sein Terroir interpretieren möchte. Und da ist es völlig egal, ob man Mann oder Frau ist.

Warum braucht es ein Weinbuch speziell für Frauen?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen im Weinbereich doch ein bisschen anders ticken. Was das Kaufen angeht. Während Männer nach Parker-Punkten kaufen und das ein wirkliches Freizeitvergnügen ist, samstags in den Weinladen gehen und sich beraten lassen. Das ist toll, wunderbar. Frauen ticken da anders. Sie kaufen pragmatisch. Frauen trinken etwas weniger häufig und trinken doch gerne weiß, leicht und fruchtig.
Und in der Weinwelt selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen unkomplizierter damit umgehen. Fragen, wenn sie etwas nicht wissen. Vielleicht nicht so Opfer ihres eigenen Egos sind.
Und deshalb brauchen wir ein eigenes Weinbuch. Weil Anlässe für Frauen wichtig sind, wenn sie Wein kaufen und auch das spielt auch eine große Rolle in meinem Buch.

Wer sollte dein Buch kaufen?
Natürlich Frauen, die an Wein interessiert sind und einfach ganz unkompliziert viel Hintergrundwissen erfahren möchten. Aber auch die Männer sind herzlich eingeladen, wenn sie sich von dieser unkomplizierten und fröhlichen Art, über Wein zu sprechen, auch angesprochen fühlen.
Weinwissen eröffnet einem ganz neue Welten in dem Weingenuss. Weinwissen ist wie Mosaiksteine sammeln. Es ist ja nicht so, dass ich einmal ein solches Buch von A bis Z lese und dann weiß ich alles. Sondern es ist, wie Steinchen sammeln. Dann wird das Bild immer bunter und größer und vielfältiger. Und das Buch ist ein Mosaikstein, der dazu beiträgt, dass sich die Weinwelt für den Leser öffnet. Macht Lust darauf, Dinge auszuprobieren, neue Erfahrungen zu sammeln. Es ist ein Tool für alle, die die Weinwelt entdecken wollen.

Wo sind wir hier gerade, während wir das Interview führen?
Wir sind in Franken, in Bayern. Wie man an der Flasche auf dem Tisch schon erkennen kann [zeigt auf den Bocksbeutel6]. Ich komme aus Bayern und dann ist das einfach die Region, die einem sehr am Herzen liegt. Wir sind hier beim Weingut Wirsching, auch weil ich Andrea Wirsching, die das Weingut leitet, sehr gut kenne. Hier war gestern eine Veranstaltung. Sie hat den ersten koscheren Silvaner präsentiert. Es war auch der Herr Schuster vom Zentralrat der Juden da. Das war ein tolles gesellschaftliches Ereignis, diesen Wein zu präsentieren. Für mich ist Wein nicht nur ein Getränk, sondern er repräsentiert auch unglaublich eine Kultur. Ich interessiere mich sehr für das Thema deutsch-israelische Freundschaft. Ich habe im Studium viele Israelis kennengelernt und habe viele Freunde in Israel. Wir in Deutschland mit unserer Geschichte, da ist es wichtig, dass man heute nicht nur an die Geschichte denkt, sondern auch Bande in die Zukunft knüpft und zwar Freundschaft. Das ist mit einem Glas Wein, zu dem man sich hinsetzt, ins Gespräch kommt, wo man sofort eine gemeinsame Gesprächsgrundlage hat, was alle sofort vereint, einfach.

Romana, vielen Dank für deine spannenden Antworten und die Einblicke in ganz unterschiedliche Bereiche der Weinwelt.

BEGRIFFSERKLÄRUNGEN
1 – Master of Wine: Ein Titel, der nach erfolgreicher Ablegung der nichtakademischen Prüfung am Institute of Masters of Wine verliehen wird. Das IMW ist eine in der internationalen Weinwelt renommierte private Bildungsstätte mit Sitz in London. 355 Menschen dürfen das Kürzel MW hinter ihrem Namen tragen. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und umfasst verschiedene Seminare und das Verfassen einer schriftlichen Ausarbeitung. Nur etwa 30% der Kandidaten und Kandidatinnen bestehen alle Prüfungen.
2 – Chablis: Das nördlichste Anbaugebiet im Burgund (FR). Typisch: fruchtige, trockene Chardonnay mit frischer Säure, auf Kalksteinhängen angebaut.
3 – Pomerol: Ein Weinanbaugebiet im Bordelais (FR). Typisch: Merlot und Cabernet Franc, auf Kies-Lehm-Böden angebaut.
4 – ProWein: „Die ProWein ist die Weltleitmesse für Wein und Spirituosen, der größte Branchentreff für die Fachleute aus Anbau, Erzeugung, Gastronomie und Handel.“, sagt ProWein über sich selbst. Ist auch wirklich so. Drei Tage im März in Düsseldorf.
5 – Terroir: Ein Begriff, der in der Weinsprache ständig genutzt wird, aber nur wage definiert ist. Es hat etwas mit dem Boden zu tun, aber nicht mit dem Ackerboden alleine. Es steht mehr für den Ursprungsort mit all seinen Eigenschaften: Boden, Klima, kulturelle Weinbergspflege und für die Region typische Herstellungsprozesse.
6 – Bocksbeutel: Für den Wein aus dem Anbaugebiet Franken typische Flaschenform. Nur Weine mit Mindestmostgewicht von 72 Grad Oechsle und einer Bewertung von 2,0 oder besser bei der amtlichen Qualitätsweinprüfung dürfen in einen Bocksbeutel gefüllt werden. Sieht aus, wie eine flachgedrückte Kugel.

Marie Menger-Krug

Marie ist Winzerin. Ihr Wein- und Sektgut Motzenbäcker liegt in Deidesheim. Erst spät hat sie gemerkt, dass sie die Leidenschaft ihrer Eltern für Wein, Sekt und den ökologischen Anbau in sich trägt und seitdem experimentiert sie. Ihre Mutter nennt sie „Die Hefenschamanin“. Sie liebt, was sie tut und wir tun es auch. Marie ist in einen traditionsreichen Betrieb hineingeboren. Wie schafft man es, als junge Frau und Tochter in einem Weingut seine eigene Linie zu finden?

Wer bist du?
Hallo, ich bin Marie Menger-Krug aus Deidesheim. Ich mache Wein und Sekt und liebe es.

Wie ist deine Verbindung zu Wein?
Meine Verbindung zu Wein…also meine Eltern haben mich Marie-Christine genannt, nach Methode-Champenoise1, deshalb ist das Thema Wein wahrscheinlich intravenös in meine Adern übergegangen. Ich hab die Leidenschaft von meinen Eltern übernommen und bin zwar eher später darauf gekommen, selbst Wein zu machen, aber habe 2002 angefangen in Geisenheim zu studieren. 2006 habe ich meinen Ingenieur gemacht und seitdem bin ich zuhause. Und habe viele Ideen, einen Methode Rurale2 und auf ökologische Produktion umgestellt. Ich liebe Hefen, ich liebe das Terroir3 von den einzelnen Weinen.

Welche ist deine liebste Rebsorte?
Meine liebste Rebsorte? Riesling! Ich bin ein Riesling-Kind. Wobei Weißburgunder ist auch immer schön, sehr elegant und für mich femininer. Aber Riesling hat für mich einfach so ne enorme Bandbreite. Mein Lieblingsriesling, kommt von nem sehr schweren Tonboden. Und der ist richtig opulent, voll, hat Kräuter. Man kann das gar nicht benennen, welche Frucht er wirklich hat. Aber ich mag auch sehr die Kalksteine, die Mineralik.

Mit welchen drei Worten würdest du deinen absoluten Lieblingswein beschreiben?
Sauvignon Blanc Rurale – nein! Prickelnd, fruchtig und trotzdem sehr viel Nachhall.

Wo sind wir hier?
Wir befinden uns hier in Deidesheim, in der Villa im Paradies. Hier ist das Weingut und Sektgut Motzenbäcker. In einem wunderschönen alten Park mit alten Kastanienbäumen. Alle, die das lesen, sind herzlich gerne eingeladen zum Sommerfest Ende Juni. Nebenan die wunderschönen Lagen Deidesheims, der Paradiesgarten und der Ruppertsberger Reiterpfad. Und man hat die Hardt im Westen als schützenden, natürlichen Wall. Und die Rheinebene vor sich. Also das ist die Toskana von Deutschland, würde ich sagen.

Warum ist der Keller einer der Lieblingsorte?
Ich glaube, jeder kann sich glücklich schätzen, so einen Barrique-Keller zu haben. Ich liebe auch diese neuen Betonbauten, aber so ein Keller ist einfach ein absolutes Geschenk. Sommer wie Winter haben wir die gleiche Temperatur und da lagern unsere besten Rotweine und haben Zeit. Zwei Jahre, vier Jahre – solange sie eben brauchen. Und seit 2007 auch unsere Mondeichenfässer, die wir selbst für uns haben machen und nach dem Wissen von damals nach dem ersten Vollmond einschlagen lassen. Da reifen ein Riesling und ein Chardonnay. Mondeichenweine.

Welche Bedeutung hat der Keller für dich?
Wie viel Zeit haben wir? Ich liebe den Keller. Er ist zeitlos. Man erlebt so viel Gefühl, Passion, Lebendigkeit von den Weinen. Ich begleite sie vom Traubensaft bis hin zum fertigen Wein und kenne jedes meiner Kinder. Ich weiß, welcher Wein ein bisschen Schwäche hat und probiere die Weine im Keller jeden Tag. Es sind einfach so viele Emotionen in diesem Keller. Und es ist ruhig. Man hat nicht so viele fremde Menschen. Das finde ich auch super. Und man hat viel zu trinken.

Du bist in einen Traditionsbetrieb hineingeboren und schreibst die Familiengeschichte jetzt auf deine ganz eigene Weise weiter. Wann wusstest du, dass du deine eigene Sekt- und Weinlinie machen möchtest?
Relativ spät, ich war also mehr oder weniger eine Quereinsteigerin. Aber das finde ich auch wichtig, weil man so die Weinwelt mit anderen Augen sieht. Man ist nicht so verbohrt in das, was schon immer war. Ich hab Neuseeland gesehen, ich hab Südafrika gesehen – nicht nur die Weine dort, sondern auch die Stimmung. Wie das Weinmachen angegangen wird. Und wie viel Respekt man auch gegenüber dem Weinmachen haben muss. Aber das meiste habe ich von meinen Eltern gelernt. Ein Dank hierfür! Es kommt mit der Zeit. Das ist Gefühlssache für mich, ganz viel Gefühlssache. Meine Sektlinie steht jetzt seit einem halben Jahr. Und ich bin absolut begeistert. Natürlich ist es nicht nur die Sektlinie, die steht, sondern auch die Qualität. Wir haben mit der Natur gearbeitet, das ist mir wichtig. Ich habe wirklich die besten Trauben genommen. Nach bestem Willen und vielen Dosageproben4 haben wir die Sektlinie hingestellt. Die Ausstattung passt perfekt. Ich habe extra die Flaschenform geändert, weil ich nicht mehr diesen femininen Stil haben, sondern mit wirklich bodenständigen Charakteren arbeite wollte. Und das will ich auch weiterhin ausbauen. Ja, es ist meine Passion und meine Leidenschaft, die ich fast mit in die Wiege bekommen habe.

War es schwierig, eine neue Identität für deine eigenen Weine zu schaffen?
Es ist keine neue Identität. Es ist nur eine Weiterentwicklung meiner Eltern. Ich habe die Werte meiner Eltern übernommen, mit denen ich aufgewachsen bin und ihre bereits sehr hohen Qualitätsstandards einfach weiterentwickelt, persönlicher und facettenreicher gemacht. Wieder Mehr auf die Lagen, auf die Hefen, auf alles Acht gelegt.

Wie unterscheidet sich deine Philosophie von der deiner Eltern und wo überschneiden sich Ansätze für Anbau und Ausbau?
Ich bin froh, dass meine Eltern so jung, dynamisch und für alles offen sind. Sie haben schon immer mit der Natur gearbeitet. Sie haben also eigentlich alles schon genau so gemacht, was ich hätte umstellen wollen, als ich von der Weinschule Geisenheim gekommen bin. Aber solche Sachen wie Methode Rurale und mehr Lagenweine ausbauen – das ist das, was mein Spaßfaktor ist.

Hast du Erfahrungen gemacht, die nur Frauen in deiner Position machen würden?
Ich weiß nicht, ob es die Frau ist oder die Persönlichkeit an sich. Ich weiß, dass die Trauben feinsinniger probiert werden. Es wird detailgetreuer gearbeitet, denke ich. Es wird höflich gearbeitet. Der Umgang ist vielleicht höflicher zwischen Frauen. Aber ansonsten sind wir relativ auf gleichem Level, würde ich behaupten.

Glaubst du, die Erwartungen an dich und deine Arbeit wären andere, wärst du ein Mann?
Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich glaube, es kommt mehr auf die Person selbst an. Ich wurde nie als Prinzessin erzogen und die werde ich wahrscheinlich auch nie sein.

Als du zurückgekommen bist, hast du wahrscheinlich erstmal eine Zeit lang zusammen mit deinem Vater gearbeitet. Arbeitet ihr immer noch zusammen?
Genau, ich arbeite immer noch zusammen mit meinem Vater. Das ist auch ein großes Geschenk. Er mit seiner Erfahrung und ich mit meinem jugendlichen, naja, nicht mehr ganz so jugendlichen Denken. Das ist eine super Symbiose. Aber solche Sachen wie die Marie5, das ist jetzt absolut mein Baby. Ich liebe Riesling und ein bisschen Weißburgunder und ein solches Cuvée hat mein Vater nicht auch nur annähernd probiert. Weil das für ihn einfach ein No-Go ist. Das war damals nicht so, mit den Cuvées. Man kommt einfach neu dazu und ich denke schon, dass das ein frischer Wind ist.

Bist du das einzige Kind?
Ich hab noch eine ältere Schwester. Sie ist Doktor der Naturwissenschaft und ich bin sehr stolz auf sie. Wenn jemand mal die Welt verbessert, ist es meine Schwester. Sie forscht mit Algen und hat in Indien Toiletten gebaut. Sie ist auf jeden Fall auf der Umweltschiene unterwegs. Ich kann sie alles fragen über Pflanzen, Boden – sie gibt mir das Know-How von einer ganz anderen Seite. Und sie trinkt nicht so viel Wein. Das ist ganz gut. Dann bleiben die Keller voll.

Deine Eltern haben zwei Töchter bekommen. Gab es jemals die Frage: „Zwei Töchter, kein Sohn – ist da überhaupt jemand, der den Betrieb übernehmen kann?“.
Diese Frage kommt ganz viel von außerhalb. „Ach Gott, der arme Herr Menger-Krug hat nur zwei Töchter.“ – diesen Spruch kann ich schon gar nicht mehr hören. Ich hab drei Söhne. So viel dazu. Und jeder sagt: „Ach, Gott sei dank, die Traktorfahrer sind wieder da!“. Aber ich kann selbst Traktor fahren. Meine Eltern haben es mir immer offen gelassen, ob ich den Betrieb weiterführen möchte. Also totaler Schwachsinn – heutzutage!

Und woher kommt deine bereits erwähnte Faszination für Hefen?
Also die Hefen waren schon immer meine Leidenschaft. Ich hab eben auch die Möglichkeit bei uns im Betrieb, Versuche zu machen. Ich nenne es immer die Kellerspielereien. Du musst dich ausprobieren und einfach unterschiedliche Hefen benutzen, um zu gucken, wie der Wein drauf reagiert. Ich liebe die Spontangärung. Jeder gesunde Weinberg hat eine ideale Hefeflora auf den Trauben. Alle Weine in unserem Keller sind spontan angegoren. Also drei Tage auf jeden Fall spontan, bevor ich entscheide, dass… Ich mache eben sehr viel über probieren und probiere die Weine auch wirklich jeden Tag, jeden zweiten Tag. Ich finde, dass die Weinberge selbst so viel Charakter haben. So viel Individualität, dass man sie gar nicht cachieren muss mit der Frucht oder sonstigem. Bei den großen Weinen – da kommen bei mir eigentlich keine Hefen dran.

Eines deiner Herzensprojekte ist der Rurale. Erzähl uns etwas mehr dazu.
Die Methode Rurale habe ich im Studium kennengelernt – wieder zurück zu den Anfängen. Sekt entstand einfach durch einen Zufall, durch eine Nachgärung. Die Winzer hatten früher keine Möglichkeit, die Weine zu lagern oder sie mit Schwefel lagerbar zu machen. Die Hefen mögen keine Kälte. Zum Winter hin wurden die Hefen inaktiv und im Frühjahr haben sie wieder angefangen zu gären. Deswegen sind eben alle Fässer geborsten, die Flaschen zerbrochen. So ne Flasche hält 6 bar Druck aus. Ein Autoreifen 2,5. Man muss sich vorstellen, was die Gärung für eine Faszination ist. Sie haben es erst als Teufelswein bezeichnet und wussten gar nicht, was sie damit anfangen sollen. Dann haben sie es probiert und das sind die Ursprünge des Sektes und das finde ich so wunderbar. Weil die Natur so viel stärker als die Menschen ist, die in ihr wohnen. Durch einen großen Zufall dieser Welt ist der Sekt entdeckt worden. Das habe ich in Geisenheim zum ersten Mal gehört und habe dann die Qualitätsansprüche meiner Eltern damit kombiniert. Und daraus ist die Methode Rurale entstanden. Seit 2007 existiert meine erste richtige Linie – ich habe einen Riesling und einen Chardonnay. Für mich ist es einfach ein unglaubliches Getränk. Der Methode Rurale muss immer aus Weingläsern getrunken werden, weil er einfach so viele Primäraromen6 hat, so viel Traubenaroma wird eingefangen und diese zarte, feine Kohlensäure. Mit dieser wunderschönen Mousseux7. Für mich sind das wunderschöne Jahrgangssekte.

Du hast deinen Markenauftritt gerade neu gestaltet. Wie bist du vorgegangen?
Ich weiß, dass Farben mir ganz viel bedeuten. Ich beschreibe Weine immer sehr gerne mit Farben und deswegen habe ich auch glaube ich gefühlte 35 unterschiedliche Farben ausgesucht. Für jeden Sekt, jeden Wein eine andere Farbe. Ich finde, das hilft den Menschen auch am besten zu verstehen, wie meine Weine schmecken. Auch die Kapseln haben wieder die gleiche Farbe wie die Etiketten und die Agraffen8 sind jetzt gekommen. Und alles mit sehr vielen Sternen. Ich glaube, das ist wieder diese Detailverliebtheit. Dass der Abriss mit Sternen gekennzeichnet ist. Das sind einfach so Kleinigkeiten, die vielleicht nicht jeder direkt benennen kann, aber bei denen ich weiß, das muss einfach so sein. Denn meine Sekte haben es verdient, so eine schöne Ausstattung zu haben.

Und fühlst du dich voll widergespiegelt in der Gestaltung, wie sie jetzt ist?
Ja, wie gesagt, sogar die Flaschenform habe ich umgestellt. Weil sie mir einfach zu feminin, zu zart war. Und ich will Weine machen, die viel Ausdruck haben. Sehr viel Nachhall und Tiefe haben. Und ein paar Ecken und Kanten.

Vielen Dank, Marie. Wir freuen uns auf viele weitere spannende Weine und Sekte aus deinem Keller.

BEGRIFFSERKLÄRUNGEN
1 – Methode Champenoise: Klassische Methode zur Sektherstellung. Kohlensäure entsteht durch eine zweite Gärung in der Flasche.
2 – Methode Rurale: Methode zur Sektherstellung. Es findet keine zweite Gärung statt, sondern die erste Gärung wird unter Druck beendet. Entweder im Drucktank oder in der Flasche.
3 – Terroir: Ein Begriff, der in der Weinsprache ständig genutzt wird, aber nur wage definiert ist. Es hat etwas mit dem Boden zu tun, aber nicht mit dem Ackerboden alleine. Es steht mehr für den Ursprungsort mit all seinen Eigenschaften: Boden, Klima, kulturelle Weinbergspflege und für die Region typische Herstellungsprozesse.
4 – Dosageprobe: Mit dem Zugeben der Dosage (zuckerhaltige Flüssigkeit) wird bestimmt, wie viel Restsüße der Sekt am Ende hat.
5 – Marie: Frauenname und ein Cuvée aus Riesling und Weißburgunder. Gibt’s hier.
6 – Primäraromen: Die Aromen, die die Traube an sich trägt.
7 – Mousseux: Die Perlage. Also Form und Größe der Blubber im Sekt.
8 – Agraffen: Die Drahtbügel, die den Sektkorken sichern.

Maries Weine und Sekte könnt ihr ab sofort bei uns bestellen.

Feinherber Feminismus – wer und was steckt dahinter?

Ab 1. Juni startet eine Interviewreihe auf dem brandneuen Geile Weine-Blog. „Feinherber Feminismus“ heißt sie. Als Pauline uns von dem Titel und ihrer Idee erzählt hat, waren wir schon neugierig, was sie wohl vorhat. Aber jetzt, wo wir den Trailer gesehen haben, sind wir endgültig gespannt auf mehr! Wir haben mit Pauline gesprochen. Sie hat uns erzählt, worum es in ihren zehn Interviews mit zehn Frauen geht. Aber davor, schaut selbst:

Pauline, was steckt hinter dem Titel „Feinherber Feminismus“?
Feinherber Feminismus ist eine Interviewreihe, in der wir Perspektiven ganz unterschiedlicher Frauen auf die Weinwelt vorstellen. Jede von ihnen hat eigene Ansätze, eigene Ansichten. Was sie verbindet, ist die Liebe zum Wein. Es ging uns darum, herauszufinden, wie es so ist als Frau in einem Berufsfeld, das nach außen immer noch recht männerbesetzt wirkt. Gibt es da Vorurteile? Wird man unterschätzt? Muss man sich mehr beweisen? Gibt es Unterschiede darin, wie Männer und Frauen Wein an- und ausbauen, bewerten oder verkaufen? Oder spielt das Geschlecht vielleicht gar keine Rolle mehr?

Und wie kommt es zu dem Titel?
Der Begriff „feinherb“ steht für das Cliché schlechthin, wenn es um Frauen und Wein geht: Frauen trinken eben lieber was süffiges, nicht zu trockenes. Dabei ist die Charakterisierung „feinherb“ im Weingesetz gar nicht richtig definiert. Hinter der Beschreibung können ganz unterschiedliche Weine stecken. So auch die Kategorie „Frauen in der Weinwelt“, hinter der ganz unterschiedliche Persönlichkeiten stecken. Vielleicht beschreiben die beiden Bestandteile fein und herb auch genau die Charaktereigenschaften, die von einer Frau in der Weinwelt erwartet werden. Dass es um eine feministische Sicht auf das Berufsfeld geht, war von Anfang an klar. Und ich liebe Alliterationen. Da hat sich die Kombination der beiden Begriffe einfach noch einmal mehr angeboten.
Es geht also um Einblicke in die Berufe, Positionen und Ansichten von Frauen, die sich durch ihr Können, Fachwissen und ihre Leidenschaft stark in der Weinwelt positionieren.

Wer bist du und wie kommt es, dass du dich mit diesen Fragen beschäftigst?
Ich bin Pauline, Kommunikationsdesignerin, Winzerstochter und seit März Teil des Geile Weine-Teams. Bei mir zuhause im Weindorf Mandel bin ich „S’Ältscht vom Bombaiersch Maggus“ – älteste Tochter eines Winzermeisters und deshalb war von Geburt an klar: Ich werde eines Tages Weinkönigin. So zumindest die Erwartungen der knapp 900 Einwohner meines Heimatdorfs an der Nahe. Und auch wenn meine Eltern diese Idee nie forciert haben, war genau das jahrelang der Plan: Mein kleiner Bruder würde als männlicher Nachkomme das Weingut übernehmen und meine Schwester und ich würden Naheweinköniginnen werden.

Und das hast du nie hinterfragt?
Für meine Eltern wären wir alle würdige Nachfolger gewesen. Aber warum für alle anderen, also Kunden, Freunde der Familie, Winzerkollegen oder das Dorf klar war, dass Carl der Nachfolger meines Papas werden würde, habe ich mich schon gefragt. Ich glaube, der Gedanke aller nach der Geburt meines Bruders war: „Marcus, zum Glück kam nach den beiden Töchtern jetzt doch noch ein Sohn.“
Und jetzt, wo ich mich entschieden habe, zurück zum Wein und zurück in die Heimat zu kommen, war einer meiner ersten Gedanken: „Vielleicht werde ich dann doch noch Naheweinmajestät!“. Und mit der Entscheidung, mich für das Amt zu bewerben, kam die Frage, ob ich ein Amt, das nur für ein Geschlecht reserviert ist, überhaupt vertreten kann. Deshalb ist auch Franzi Teil der Interviewreihe. Sie ist ehemalige Naheweinprinzessin und erzählt von ihren Erfahrungen und dass es eben nicht mehr nur um eine charmante Repräsentation des Anbaugebiets geht, sondern, neben der Begeisterung für den Wein, um wirkliches Fachwissen.

Wer ist sonst noch so dabei?
Dabei sind die Winzerinnen Carolin Hofmann vom Weingut WillemsWillems – ein Weingut, das mit Carolin in fünfter Generation von Frauen geführt wird. Juliane Eller, die nun schon den vierten Jahrgang ihrer eigenen Linie JuWel herausbringt und Marie Menger-Krug vom Weingut Motzenbäcker, die wie keine andere die Hefen in ihrem Keller versteht und so feine und prickelnde Tropfen schafft. Außerdem Quereinsteigerin Ann-Kathrin Müller, die von ihrem Weg aus dem Norden Deutschlands zum Wein und zum Weingut Krebs in der Pfalz berichtet. Sommelière, Autorin und Master of Wine Romana Echensperger erzählt von ihrem neuen Buch, das speziell Frauen einen Einblick in die Weinwelt gibt. Kellermeisterin Kathrin Starker vom Weingut Heymann-Löwenstein hat uns auf die Monorackbahn gesetzt und spricht über die Freiheiten des Angestelltseins. Sabine Wienk-Borgert ist Außenbetriebsleiterin beim Weingut Schreieck und die einzige Frau im Team für den Außenbetrieb. Iris Führ lehrt an der Weinbauschule und erzählt von Zeiten, in denen der Einstieg in die Weinwelt als Frau gar nicht so einfach war und Karen Theis ist zuständig für das Qualitätsmanagement bei Binderer St. Ursula, einer großen Weinkellerei.

Wann können wir das erste Interview lesen?
Am 1. Juni geht es los mit Marie Menger-Krug. Sie hat für uns vor der Kamera degorgiert, also die Hefe vom Sekt getrennt. Wir und die Kamera waren von oben bis unten voll mit Hefe. Marie hat mich begeistert. Eine Frau, die ihren Weinen Raum für freie Entwicklung, aber sie nie alleine lässt. Das solltet ihr euch auf alle Fälle anschauen! Alle zwei Wochen wird dann ein Interview auf unserem Blog veröffentlicht.

Weine von drei der Winzerinnen aus der Interviewreihe könnt ihr bei Geile Weine HIER bestellen.